Zentrales Gedenken der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und des Freistaates Sachsen an die Opfer des Nationalsozialismus in Pirna
27.01.25

Zentrale Gedenkfeier des Freistaates Sachsen und der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Pirna
Am 26. Januar 2025 fand in Pirna die zentrale Gedenkveranstaltung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und des Freistaates Sachsen zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus statt. Das Gedenken begann mit einer Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein und einer Führung durch den historischen Ort. Im Anschluss fand um 17 Uhr in der Stadtkirche St. Marien zu Pirna das Gedenkkonzert „Die Musik nach Hause bringen“ statt.
Am Nachmittag legten der Sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer gemeinsam mit dem Stiftungsgeschäftsführer Dr. Markus Pieper, mit weiteren Mitgliedern der Staatsregierung, dem Präsidenten des Sächsischen Landtages Alexander Dierks, Vertretern diplomatischer Corps aus Tschechien und Polen, der jüdischen Gemeinden, der Kirchen sowie einigen Nachfahren von Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde Kränze an der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein nieder.
Allein in der zur Tötungsanstalt umfunktionierten „Heilstätte“ auf dem Sonnenstein fielen zwischen 1940 und 1941 13.720 Menschen den „Euthanasie“-Verbrechen zum Opfer.
In einer Führung schilderten Selina und Titus, beide FSJ-Leistende junge Menschen in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, den geladenen Gästen eindrucksvoll den historischen Kontext des Ortes, berichteten von der Nutzung der Kellerräume in der Tötungsanstalt und von der heutigen Arbeit der Gedenkstätte.
Gedenkkonzert „Die Musik nach Hause bringen“
Im Anschluss fand um 17 Uhr in der Stadtkirche St. Marien zu Pirna das Gedenkkonzert „Die Musik nach Hause bringen“ statt. Das Konzert wurde von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und der Sächsischen Staatskanzlei organisiert und stand unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Michael Kretschmer. Die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden unter der Leitung von Michael Hurshell präsentierte Werke jüdischer Komponisten, deren Musik während des Nationalsozialismus als „entartet“ diffamiert und verboten wurde. 560 Besucherinnen und Besucher bedachten die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden mit großem Applaus. Die Aufführung der Werke verfolgter jüdischer Komponisten brachte ein Stück verlorener Kultur zurück. Zwischen den Musikstücken wurden Reden und Ansprachen gehalten.
Die Superintendentin des Kirchenbezirks Pirna, Brigitte Lammert, eröffnete das Konzert mit ihrer Begrüßung. Stiftungsgeschäftsführer Dr. Markus Pieper führte in die Thematik des historisches Ortes in Pirna ein und betonte die Bedeutung des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus. Ministerpräsident Michael Kretschmer hielt Worte des Gedenkens und mahnte, die Erinnerung wachzuhalten und jeder Form von Menschenverachtung entgegenzutreten. Nizar Amer, Gesandter-Botschaftsrat des Staates Israel, setzte die Erinnerung an die Shoah, den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus, mit der Beziehung Deutschlands zum Staat Israel in Verbindung. Sophia Glaner von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten schilderte in ihrem „Impuls in die Zukunft“ in sehr persönlichen Worten von ihrer Motivation, sich für die Erinnerungsarbeit zu engagieren und von der Notwendigkeit der fortwährenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Den Abschluss bildete ein Dankeswort von Klaus Brähmig, MdB a. D., auf dessen Impuls das Konzert organisiert wurde. Das Programmheft des Konzertes mit der Abfolge der Reden kann hier angeschaut oder heruntergeladen werden.
„80 Jahre sind seit der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vergangen. Der Schrecken über die millionenfachen Morde lässt nicht nach. Dieses Unrecht verjährt nicht. Der Weg in die Vernichtungslager begann mit der Verachtung von kranken Menschen, mit der Beurteilung von Menschen als lebenswert und lebensunwert. In Großschweidnitz und Pirna-Sonnenstein wurden aus Heilanstalten Orte, an denen Menschenleben planvoll ausgelöscht wurden. Wir können heute und hier die Geschichte nicht rückgängig machen. Aber wir können im gemeinsamen Erinnern und der gemeinsamen Trauer das Gedenken an die Opfer lebendig halten und wachsam sein gegenüber jeder Verharmlosung von Diktatur und Menschenverachtung“, mahnte Ministerpräsident Kretschmer.
Stiftungsgeschäftsführer Dr. Markus Pieper erklärte: „Die Arbeit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten unterstreicht täglich den Wert der Demokratie, in der Vielfalt nicht die Bedrohung, sondern die Bedingung des Zusammenlebens ist. Daher freue ich mich, dass wir am Vorabend des Gedenktages zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ein Konzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden hören dürfen. Die Aufführung der Werke verfolgter und verfemter jüdischer Komponisten holt mit ihrer Musik auch ein Stück zerstörter Vielfalt zurück.“
Die gesamte Rede Dr. Markus Piepers finden Sie zum zum Nachlesen oder Download hier.
Hintergrund
Am 27. Januar 1945 befreiten Einheiten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Seit 1996 ist der 27. Januar bundesweiter Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Der 27. Januar ist zudem weltweit der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.
Der Pirnaer Sonnenstein war ein Experimentierfeld für die von den Nationalsozialisten betriebene Massenvernichtung von Menschen. Zwischen Januar 1940 und August 1941 töteten die Nationalsozialisten 70.273 Menschen im Rahmen der zentralen Krankenmorde. Allein in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein fielen 13.720 Menschen den „Euthanasie“-Verbrechen zum Opfer. Im Sommer 1941 wurden zusätzlich mehr als tausend Häftlinge aus Konzentrationslagern im Rahmen der „Sonderbehandlung 14f13“ in Pirna-Sonnenstein ermordet. Belegt sind Transporte aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Auschwitz. An der Massenvergasung von 575 fast ausschließlich polnischen Auschwitz-Häftlingen Ende Juli 1941 zeigt sich der Übergang zu einer neuen Dimension der Verbrechen. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 wurden in Ostpolen Lager zur Vernichtung der polnischen Jüdinnen und Juden eingerichtet. Dabei spielten auch die zuvor in Pirna-Sonnenstein systematisch begangenen Verbrechen eine wichtige Rolle. Etwa ein Drittel der Mitarbeiter der Tötungsanstalt Sonnenstein wurden in den Jahren 1942 und 1943 in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka eingesetzt.
Die Neue Jüdische Kammerphilharmonie wurde 2007 gegründet, um vergessene Werke jüdischer Komponisten zu neuem Leben zu erwecken. Mit der ausschließlichen Aufführung dieses Repertoires ist das Ensemble bundesweit einzigartig. Der künstlerische Leiter des Orchesters ist der amerikanische Dirigent Michael Hurshell, der als Gast renommierter Ensembles wie der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, der Nationalphilharmonie Warschau und der Slowakischen Staatsphilharmonie Bratislava international tätig ist. Seit vielen Jahren arbeitet er ehrenamtlich in der Repräsentanz und im Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.
Kontakt
Sven Riesel
Stellvertretender Geschäftsführer | Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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